Donnerstag, 25. Oktober 2012

Ein Leben, das von Zahlen bestimmt wird

Mein Gewicht geht von Tag zu Tag immer weiter runter. Das ist toll, ich kann mich schon viel mehr akzeptieren und fühle mich viel weniger dick. Wenn ich durch die Schule gehe und in manche Glasfensterscheiben schaue, sehe ich manchmal sogar schon dünn aus. Nur die Oberschenkel müssen noch ein bisschen dünner sein. Und natürlich mein Gesicht. Doch so wie ich mich in manchen dieser Scheiben sehe, fühle ich mich nicht. Ganz und gar nicht. Aber ich möchte mich so fühlen und sehen können, wie ich wirklich bin!
Der Gedanke, 53 Kilo zu wiegen, gefällt mir nicht. 53 sind schon viel besser als vorher, aber wenn ich an diese Zahl denke, gefällt die mir einfach nicht. 52, 50 oder 48 - Das klingt doch viel schöner. Ich schaffe es einfach nicht, auf mein Gefühl zu hören. Jeden Morgen der Gedanke, mich ausnahmsweise mal nicht auf die Waage zu stellen. Doch das funktioniert nicht. Mit der Vorstellung, nicht zu wissen, wie viel ich wiege, kann ich mich einfach nicht anfreunden. Was, wenn ich zu viel wiegen würde und an dem besagten Tag nicht ahnend weiter essen würde?

Die Zahlen sind zu mächtig. Viel zu mächtig. Sie bestimmen mein ganzes Leben. Ist die Zahl gut, wird mein Tag gut. Ist sie schlecht, plagen mich den ganzen Tag Schuldgefühle und ich überlege fieberhaft, wie sie am nächsten Tag wieder besser werden könnte.
Immer weiter abnehmen wäre toll, zumindest noch zwei, drei oder vier Kilo. Die Therapie ist unterbrochen, niemand hindert mich daran. Zum Wiegen beim Arzt muss ich auch erst wieder in vier Wochen gehen.  Noch einmal das unbeschreibliche Gefühl, mich dünn zu fühlen. Das sagt die Krankheit.
Die Vernunft sagt, dass ich nicht mehr viel abnehmen sollte, maximal ein Kilo. Du willst doch gesund werden, oder? Eigentlich schon. Ich habe keine Ahnung, was ich machen soll. In meinem Kopf dreht sich alles, um diese eine Frage. Eine 800 Kalorien Diät? Oder mein Gewicht halten und 1800 pro Tag essen? Sogar während der heutigen Kursarbeit konnte ich mich kaum auf die Aufgabenstellung konzentrieren; abnehmen, Gewicht halten, Crashdiät... ging es mir andauernd durch den Kopf...

Morgen werde ich ein kleines Experiment starten. Ich werde schauen, ob ich es schaffen kann, vom Aufstehen an (6.00 Uhr) bis zum Mittagessen (14.00 Uhr) nichts zu essen. Danach kann ich dann einfach normal essen, sodass ich auf meine 1600 Kalorien komme. Es soll einfach ein kleiner Versuch sein, wie stark oder auch schwach ich wirklich bin.


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